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Verheiratet und „Ich liebe dich“: Kann ich das glauben?

Kurz gesagt

Ob das „Ich liebe dich“ stimmt, kannst du von außen nicht prüfen. Die Forschung spricht nicht dagegen, dass es echt ist. Aber Liebe ist das eine, die Entscheidung für eine Beziehung das andere. Verlass dich deshalb weniger auf das Geständnis und mehr darauf, was dieser Mensch in den Wochen danach tatsächlich tut.

Der Satz ist gefallen, vielleicht im Auto vor deiner Haustür, vielleicht in einer Nachricht aus dem Büro. Seither geht er dir nicht mehr aus dem Kopf, beim Einkaufen und mitten in der Besprechung, und an der roten Ampel ist er wieder da. Dieser Mensch ist verheiratet oder fest gebunden, fährt nach jedem Treffen heim und verbringt das Wochenende mit der Familie. Und du bleibst mit einem Geständnis zurück, das wie ein Anfang klingt und an deinem Alltag nichts ändert.

Auf gutefrage.net steht die Frage fast wörtlich so: „Verheirateter Mann gestand mir seine Liebe, kann ich dem Glauben schenken?“ Sie stellt sich genauso, wenn es um eine verheiratete Frau geht. Ich beantworte sie hier mit dem, was die Forschung hergibt, und ich sage dir auch, wo sie dich allein lässt.


Kann ich glauben, dass mich jemand liebt, der verheiratet ist?

Ja, das Gefühl kann echt sein. Die Anthropologin Helen Fisher beschreibt Verliebtheit und langfristige Bindung als zwei Systeme im Gehirn, die weitgehend unabhängig voneinander arbeiten. Wer verheiratet ist, kann sich also neu verlieben, und die Bindung zu Hause bleibt trotzdem bestehen. Was daraus wird, sagt das Gefühl allein noch nicht.

Fisher, Aron und Brown (2006, Philosophical Transactions of the Royal Society B) unterscheiden drei Systeme: sexuelles Verlangen, romantische Anziehung und Bindung. Die drei arbeiten weitgehend eigenständig, greifen aber ineinander. Dass sich Anziehung und Bindung auf zwei Menschen verteilen können, folgere ich aus diesem Modell. Die Arbeit ist eine Übersicht mit kleinen Bildgebungsstudien, Affären hat sie nicht untersucht.

Dazu passt eine Befragung von Menschen, die über das Portal Ashley Madison gezielt eine Affäre suchten (Selterman, Joel und Dale, 2023, Archives of Sexual Behavior). Dass es in der festen Beziehung an Zufriedenheit, Liebe oder Verbundenheit fehlte, war dort kein wesentlicher Auslöser. Das ist allerdings eine besondere Gruppe, und sie steht nicht für alle Affären.


Woran erkenne ich, ob das Liebesgeständnis ernst gemeint ist?

Am Satz selbst erkennst du es nicht. In einer Auswertung von 206 Arbeiten mit 24.483 Urteilenden lagen Menschen nur in 54 Prozent der Fälle richtig, wenn sie Lüge von Wahrheit unterscheiden sollten. Auf Tonfall und Blick ist also wenig Verlass, und auf das Bauchgefühl leider auch nicht. Mehr verrät dir, was auf die Worte folgt.

Die Zahl stammt von Bond und DePaulo (2006, Personality and Social Psychology Review). Sie haben ausgewertet, wie gut Menschen ohne Hilfsmittel und ohne Training Lügen von wahren Aussagen unterscheiden. Mit reinem Raten käme man auf 50 Prozent. Um Liebesgeständnisse ging es in diesen Studien nicht. Sie zeigen aber, wie wenig sich aus dem Eindruck eines einzelnen Moments herauslesen lässt.

Dazu kommt: Ein Satz kann ehrlich gemeint sein und trotzdem nichts versprechen. „Ich liebe dich“ beschreibt, wie es jemandem gerade geht. Ob daraus gemeinsame Zeit wird oder eine Entscheidung, steht nicht in diesem Satz. Du musst also nicht herausfinden, ob dieser Mensch lügt. Es reicht, wenn du über ein paar Wochen festhältst, was sich seit dem Geständnis verändert hat und was gleich geblieben ist.

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Warum bleibt jemand in der Ehe und sagt trotzdem „Ich liebe dich“?

Weil es beim Bleiben nicht nur um Liebe geht. Das Investitionsmodell nennt drei Gründe, warum jemand in einer Beziehung bleibt: die Zufriedenheit, die Alternativen, die jemand sieht, und alles, was schon hineingesteckt wurde. Gemeinsame Jahre, Kinder, ein Haus und der Freundeskreis wiegen schwer, auch wenn die Gefühle längst woanders sind.

Le und Agnew (2003, Personal Relationships) haben dieses Modell von Caryl Rusbult anhand von 52 Studien mit 11.582 Teilnehmenden überprüft. Zufriedenheit, Alternativen und Investitionen erklärten zusammen fast zwei Drittel davon, wie stark sich jemand an die Beziehung gebunden fühlte. Und wie stark diese Bindung war, sagte voraus, ob die Beziehung später auseinanderging.

Für deine Frage heißt das zweierlei. Dass dieser Mensch bleibt, widerlegt das Geständnis erst einmal nicht. Man kann lieben und trotzdem an vielem hängen, was über Jahre gewachsen ist. Umgekehrt bist du in dieser Rechnung nur eine von drei Größen. Die Auswertung beruht auf Fragebögen und zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Sie beschreibt Gruppen, nicht den einen Menschen, um den es dir geht.


Verlässt jemand die Ehe für die Affäre?

Eine belastbare Quote dafür habe ich nicht gefunden. Die Prozentzahlen, die in Ratgebern kursieren, konnte ich keiner Studie zuordnen, die sich im Original nachlesen lässt. Belegt ist nur ein Zusammenhang: Wer die Affäre begann, weil es in der festen Beziehung nicht mehr stimmte, trennte sich häufiger als jemand, bei dem es sich einfach ergeben hat.

Selterman, Garcia und Tsapelas (2021, Journal of Sex & Marital Therapy) haben 495 Personen in den USA zu ihren Affären befragt. Wer die Affäre aus Ärger über die feste Beziehung oder aus fehlender Liebe begonnen hatte, blieb länger darin. Diese Paare zeigten sich öfter gemeinsam in der Öffentlichkeit, und die feste Beziehung ging häufiger auseinander.

War eher Stress oder Alkohol der Auslöser, blieben die Affären kürzer, und seltener wurde daraus etwas Offenes oder eine Trennung. Befragt wurden Studierende und Menschen aus dem Internet, und alle erzählten im Rückblick. Für deine Lage ist das keine Vorhersage. Eine Frage kannst du dir aber mitnehmen: Wird das, was ihr habt, mit der Zeit sichtbarer, oder bleibt es dort, wo es niemand sieht?


Warum kommt die Frage im Kopf nicht zur Ruhe?

Weil ein Geständnis, auf das nichts folgt, dich im Ungewissen zurücklässt, und Ungewissheit hält die Aufmerksamkeit fest. Belegt ist, dass Ungewissheit die Gedanken an einen Menschen häufiger macht. Ob sie auch die Anziehung verstärkt, ist nicht bestätigt. Das Gedankenkarussell zeigt also vor allem, dass eine Frage offen ist.

Whitchurch, Wilson und Gilbert (2011, Psychological Science) zeigten das im Labor mit Studentinnen. Sie dachten öfter an die Männer und fanden sie anziehender, wenn offenblieb, wie sehr diese sie mochten. Montoya et al. (2015, Psychologia) konnten die stärkere Anziehung mit getrennter Messung nicht bestätigen. Bestätigt ist nur eines: Wer im Ungewissen ist, meldet sich eher und will sich eher treffen.

Ich lese das vorsichtig. Dass sich bei dir das Gedankenkarussell dreht, sagt nichts darüber, wie groß diese Liebe ist, in keine Richtung. Es zeigt erst einmal nur, dass eine Frage offen ist. Und diese Frage hängt an einem Satz, den nur der andere Mensch einlösen kann. Deshalb bringt es wenig, ihn immer wieder auf seine Wahrheit abzuklopfen. Weiter kommst du mit Fragen, die du selbst beantworten kannst.


Was Schreiben an dieser Stelle leisten kann

Im Kopf laufen zwei Fragen durcheinander, die getrennt gehören. Die eine, ob das Geständnis stimmt, liegt nicht in deiner Hand. Die andere, was du siehst, was du brauchst und wie lange du so leben willst, schon. Sie lässt sich aufschreiben. Halte fest, was gesagt wurde und was danach passiert ist, und daneben, wie es dir dabei ging. Am besten schreibst du jeden Tag ein paar Zeilen. Lässt du einen Tag aus, machst du am nächsten einfach weiter.

Forschung Eine Auswertung von 31 kontrollierten Studien mit 4.012 Teilnehmenden fand für expressives Schreiben einen kleinen Effekt auf Belastungssymptome (Guo, 2023, British Journal of Clinical Psychology; Hedges' g = -0,12). Er setzte erst mit Verzögerung ein, und etwas stärker war er, wenn zwischen den Schreibtagen höchstens drei Tage lagen. Eine Entscheidung nimmt dir das Schreiben nicht ab. Aber es holt nach oben, was im Gedankenkarussell sonst untergeht.

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Häufig gestellte Fragen

Meint es jemand ernst, der verheiratet ist und „Ich liebe dich“ sagt?

Am Satz allein lässt sich das nicht ablesen, bei einem Mann so wenig wie bei einer Frau. Menschen erkennen Lügen im Schnitt nur knapp besser, als wenn sie raten würden (Bond und DePaulo, 2006). Mehr sagt dir, ob in den Wochen danach etwas folgt, das du sehen kannst.

Kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben?

Das Modell von Fisher, Aron und Brown (2006) spricht dafür. Romantische Anziehung und langfristige Bindung gelten dort als weitgehend getrennte Systeme. Jemand kann also zu Hause gebunden sein und sich trotzdem in dich verliebt haben.

Wie lange soll ich warten, bis sich dieser Mensch entscheidet?

Eine Frist aus der Forschung gibt es nicht, und eine seriöse Zahl dazu, wie oft sich jemand tatsächlich trennt, habe ich nicht gefunden. Beantworten kannst du die andere Hälfte der Frage: wie lange du so leben willst und woran du merken würdest, dass sich etwas bewegt.

Hilft Aufschreiben, wenn sich meine Gedanken nur noch um diesen Menschen drehen?

Es kann helfen, aber der Effekt ist klein und zeigt sich erst mit Verzögerung (Guo, 2023). Schreiben trennt das, was gesagt wurde, von dem, was danach passiert ist. Am besten schreibst du jeden Tag ein paar Zeilen, ohne dass daraus ein Muss wird. Wenn die Gedanken über Wochen deinen Schlaf oder deinen Alltag stören, ist ein Gespräch in einer Beratungsstelle oder eine Psychotherapie ein sinnvoller Schritt, und das Schreiben kann daneben bestehen bleiben. Wenn das Denken an diesen Menschen kaum noch aufhört, erklärt Limerenz, was dahinterstecken kann.

Quellen

  • Bond, C. F. und DePaulo, B. M. (2006). Accuracy of deception judgments. Personality and Social Psychology Review, 10(3), 214–234. doi.org/10.1207/s15327957pspr1003_2, PubMed 16859438 (abgerufen am 11. Oktober 2026)
  • Fisher, H. E., Aron, A. und Brown, L. L. (2006). Romantic love: a mammalian brain system for mate choice. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 361(1476), 2173–2186. doi.org/10.1098/rstb.2006.1938, PubMed 17118931 (abgerufen am 11. Oktober 2026)
  • Guo, L. (2023). The delayed, durable effect of expressive writing on depression, anxiety and stress: A meta-analytic review of studies with long-term follow-ups. British Journal of Clinical Psychology, 62(1), 272–297. doi.org/10.1111/bjc.12408, PubMed 36536513 (abgerufen am 11. Oktober 2026)
  • Le, B. und Agnew, C. R. (2003). Commitment and its theorized determinants: A meta-analysis of the Investment Model. Personal Relationships, 10(1), 37–57. doi.org/10.1111/1475-6811.00035 (abgerufen am 11. Oktober 2026)
  • Montoya, R. M., Faiella, C. M., Lynch, B. P., Thomas, S. und DeLuca, H. K. (2015). Further exploring the relation between uncertainty and attraction. Psychologia, 58, 84–97. doi.org/10.2117/psysoc.2015.84 (abgerufen am 11. Oktober 2026)
  • Selterman, D., Garcia, J. R. und Tsapelas, I. (2021). What do people do, say, and feel when they have affairs? Associations between extradyadic infidelity motives with behavioral, emotional, and sexual outcomes. Journal of Sex & Marital Therapy, 47(3), 238–252. doi.org/10.1080/0092623X.2020.1856987, PubMed 33377428 (abgerufen am 11. Oktober 2026)
  • Selterman, D., Joel, S. und Dale, V. (2023). No remorse: Sexual infidelity is not clearly linked with relationship satisfaction or well-being in Ashley Madison users. Archives of Sexual Behavior, 52(6), 2561–2573. doi.org/10.1007/s10508-023-02573-y, PubMed 37010618 (abgerufen am 11. Oktober 2026)
  • Whitchurch, E. R., Wilson, T. D. und Gilbert, D. T. (2011). "He loves me, he loves me not ...": Uncertainty can increase romantic attraction. Psychological Science, 22(2), 172–175. doi.org/10.1177/0956797610393745, PubMed 21169522 (abgerufen am 11. Oktober 2026)

Simone Pleifer, MSc

Simone Pleifer, MSc, ist die Gründerin von Journals by Simone und hat das System für emotionale Klarheit in vier Phasen entwickelt. Sie hat einen MSc in Ernährungswissenschaft und vierzehn Jahre Erfahrung in der pharmazeutischen klinischen Forschung. Ihre Arbeit verbindet wissenschaftliche Genauigkeit mit emotionaler Tiefe, für Menschen in heimlicher Liebe, in Situationships und mit unausgesprochenen Gefühlen. Derzeit entwickelt sie eine Supplement-Linie als Ergänzung zu diesem System.

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